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Dr. med. Ulrich Köhrle, Kehl :

Akupunktur im Wandel von Geschichte und Wissenschaftserkenntnis

Vorbemerkung:

Im geschichtlichen Zusammenhang kann Akupunktur nur als Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) verstanden werden, die auf spezifischer Diagnostik und Therapie beruht.

Die klassische Diagnostik kann in diesem Zusammenhang nur kurz gestreift werden; sie besteht aus 4 Teilen:

  1. Inspektion
  2. Hören und Riechen
  3. Anamnese
  4. Palpation

Die Therapie beruht auf 5 Säulen:

  1. Phytotherapie (Kräutertherapie)
  2. Akupunktur, Akupressur und Moxibustion zur Stimulierung der Akupunktupunkte
  3. Diätetik
  4. Massage
  5. Bewegungstherapie incl Atemtherapie

Weitere Therapiemöglichkeiten:

Bäder, Meditation, Suggestion und Magie.

Eine andere Einteilung unterscheidet zwischen inneren und äußeren Behandlungen

Konzeptuell sind in der traditionellen chinesischen Medizin verschiedene Strömungen nachweisbar.

Zum Einen magische Vorstellungen ausgehend vom Ahnenglauben beziehungsweise Dämonenglauben, wonach Ahnen bzw Dämonen Krankheiten verursachten. Danach sollten die Nadelstiche Dämonen direkt aus dem Körper vertreiben.

Zum Anderen Philosophisch-religiöse Überlegungen, die aus dem Konfuzianismus bzw dem Taoismus abgeleitet sind.

Weiter finden sich Elemente der Entsprechungsmedizin, als simples Beispiel der magischen Form die Gabe von Tigerextrakten zur Stärkung.

Schließlich natürlich auch Elemente der Erfahrungsmedizin, wodurch die Bedeutung der Akupukturpunkte bekannt wurden, auch wenn sie später in ein anderes systematisches Erklärungskonzept eingebaut wurden.

Gemeinsam ist diesen Strömungen die ganzheitliche Betrachtung von Körper und Geist, eingebettet in Familie ( einschließlich der Ahnen), natürliche Umgebung und selbst den Kosmos.

Geschichte

Steinzeit:
schon aus der Zeit um 4.000 bis 6.000 vor Christus sind als Grabbeigaben Steinnadeln bekannt, die möglicherweise zur Akupunktur verwendet wurden.

Frühe Dynastien:

Shang-Dynastie:

Erstmals Bronzeverarbeitung, Schriftzeugnisse, gut entwickelte Verwaltung. Aus den Orakelschriften ist ersichtlich, dass Krankheiten typischerweise als böswillige Einwirkungen von Ahnen bzw noch lebenden Menschen (Magie) angesehen wurden. Der Herrscher hatte als Deuter des Orakels gleichzeitig religiöse und medizinische Kompetenzen, die als Ahnenmedizin wohl eher der herrschenden Elite zugute kamen. Über Akupunktur als Therapie ist aus dieser Zeit wenig bekannt, wenngleich es einige Hinweise gibt, dass Akupunktur damals schon eingesetzt wurde.

Zhou-Dynastie

Erste große philosophische Systeme durch Kung Tse  (Konfuzius) und Lao Tse, die als erste theoretische Konzepte auch die Medizin zutiefst beeinflussten mit den Lehren von Yin und Yang, den 5 Phasen und der Lebensenergie Qi

Kaiserzeit:

Qin-Dynastie

Erste systematische Sammlung medizinischer Schrifen „Huang-Ti-Nei-Ching“ , die über viele Jahrhunderte erweitert und verbessert wird. Die Medizin bzw der menschliche Körper ist im Sinne von Kung Tse ein Spiegel des hierarchisch gegliederten Staatswesens. Die Akupunktur wird hier eingehend erwähnt mit 160 klassischen Punkten.

Hier gab es schon ständische Unterschiede in der medizinischen Versorgung:

Während die aufwendige Akupunktur vor allem am Kaiserhof und bei den hohen Beamten angewandt wurde, war die billigere Kräutertherapie eher im breiten Volk verbreitet.

Han-Dynastie ( 206 v.Chr. bis 220 n.Chr.)

Weiterentwicklung der Medizin bzw. der Akupuktur bis zur Herausarbeitung der 3 traditionellen Chi-Umläufe in den 12 Meridianen

Ein wegweisendes Werk ist dafür der systematische Klassiker der Aku-Moxi-Therapie "Zhenjiu Jiayijing“ von Huang Fumi (215–282), in dem allein 349 Akupunkturpunkte beschrieben werden.

In den späteren Jahren der Han-Dynastie sowie während der „Drei Reiche“ (220 – 280 n.N.) breitete sich der Buddhismus stark aus und beeinflusste auch Wissenschaft und Medizin. Ayuvedische Einflüsse wurden übernommen, so dass die Akupunkur in zunehmende Konkurrenz zu weiteren Therapien tritt.

Qing-Dynastie (Mandschurenkaiser) von 1644 bis 1911)

Zunehmender Austausch mit den in der Renaissance aufgeblühten europäischen Wissenschaften, unter anderem über Jesuitenmönche in Peking. Großer Einfluss auf die praktische Medizin ergibt sich aber nicht.

Im 19. Jahrhundert wurden zur Modernisierung angesichts der erdrückenden europäischen Überlegenheit westliche Ideen forciert eingeführt und damit auch die naturwissenschaftlich orientierte westliche Medizin, während die Traditionelle Chinesische Medizin und damit auch die Akupunktur zunehmend verdrängt wurde. Vor allem die Kirchen machten dmals über ihre Missionsstationen die westliche Medizin bekannt.

Traditionelle chinesiche Medizin und damit die Akupunktur wurde  zunehmend die Medizin der ärmeren Bevölkerung, die sich die teurere moderne westliche Medizin nicht leisten konnten.

Neuzeit

Während der Kuomintang unter Dr. Sun wurde die traditionelle chinesische Medizin weiterhin vernachlässigt zugunsten der naturwissenschaftlichen westlichen Medizin.

Erst der Mangel an westlich ausgebildeten Ärzten in der Volksrepublik China veranlasste Mao Tse-tung, die anfängliche Mißachtung der als abergläubig stigmatisierten traditionellen chinesischen Medizin aufzugeben und sie wieder als kostengünstige Basistherapie neben der modernen Medizin einzuführen. Hinzu kamen politische Gründe, da durch Ansprechen der nationalen Identität der Zusammenhalt mit dem Staat gefördert werden sollte und gleichzeitig vermieden wurde, dass zuviele Medizinstudenten im Ausland westliche Ideen kennenlernen und mitbringen konnten.

Westliche Formen der Akupunktur

Im Laufe des letzten Jahrhunderts verbreitete sich zuerst in Frankreich die Akupunktur als Therapiemethode, um später in ganz Europa und USA eingeführt zu werden.

Die Ohrakupunktur wurde ausschließlich im Westen, genauer in Frankreich, entwickelt; sie hatte früher in China nie ein Pendant.

Die vielen Akupunkturgesellschaften schafften es aber trotz aller Erfolge nicht, ihrer Methode einen überzeugenden wissenschaftlichen Unterbau zu geben und werden in der Schulmedizin oft als als fragwürdige Außenseitermethoden angesehen.

Melzack und Wall machten einen ersten Versuch mit der gate-control-Theorie, die in der ursprünglichen Form aber wieder verlassen werden musste.

Vor allem der Neurophysiologe Pomeranz stellte einleuchtende Thesen zur Schmerzkontrolle durch Akupunktur auf, die zum Teil verifiziert werden konnten. Neben der Stimulierung von Rezeptoren, die auf das Rückenmark zurückwirken, stellt der Effekt der  Freisetzung von Endorphinen und ACTH eine gut nachgewiesene Wirkung dar.

Die Grundsätze der einzigen naturwissenschaftlich orientierten deutschen Akupunkturgesellschaft NPA beruhen auf diesen Theorien.
 

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Freitag, 25. Mai 2018

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